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Eine ostdeutsche Zeitung für ein ostdeutsches Gefühl

Im Februar 2026 startete mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) ein Publikationsorgan mit dem erklärten Ziel, Leitmedium für Ostdeutschland zu werden. Die Zeitung will ostdeutsche Perspektiven stärker in den Blick nehmen, ohne zu polarisieren. Auch Opfernarrative möchte man nicht bedienen. Trotzdem stellt die OAZ den Versuch dar, dem Konstrukt einer ostdeutschen Identität auch im Mediensektor Raum zu geben – so die Analyse des Politikwissenschaftlers Gert Pickel in diesem Blogbeitrag.

Illustration: Italic Visual Design

Eine ostdeutsche Identität bildete sich bereits kurz nach dem Mauerfall. Unter ihr ist keine Ostalgie zu verstehen und sie greift nur sehr selten auf Erfahrungen oder gar politische Erzählungen der DDR zurück. Vielmehr entwickelte sie sich aus den Erfahrungen der massiven sozio-ökonomischen Transformationen Ostdeutschlands nach der Wiedervereinigung. Diese Erfahrungen waren zumeist negativ und erzeugten ein Gefühl fehlender Wahrnehmung und Anerkennung. Was man gelernt und geschaffen hatte (Stichwort Lebensleistung), war mit einem Schlag wenig oder gar nichts mehr wert. Anerkennung konnte man maximal noch als Beteiligter oder Beteiligte an der Friedlichen Revolution erhalten – und selbst da wurde von Westdeutschen auf den ökonomischen Zusammenbruch der DDR als zentralen Grund des Umbruchs verweisen. Letztlich blieb den Ostdeutschen nach 1989 fast nichts mehr, auf das sie stolz sein konnten. In der Folge der Wiedervereinigung fühlten sich viele Ostdeutsche als Bürger:innen zweiter Klasse und zurückgesetzt. Jobverluste, geringere Löhne und negative Erfahrungen im direkten Kontakt mit „kapitalistischen“ Westdeutschen verfestigten dieses Bild. So wurde Ostdeutschen immer wieder entgegengebracht, dass sie dankbar sein sollten, an die Bundesrepublik angeschlossen zu werden.

Selbst wenn sich für viele Ostdeutsche seitdem die persönliche sozio-ökonomische Lage verbessert hat: Die Bilder, Erfahrungen und Erzählungen sind geblieben. 2025 sehen sich immer noch 62 Prozent der Sachsen-Anhalter:innen als Bürger:innen zweiter Klasse, und in einer zum Tag der Deutschen Einheit 2025 durchgeführten Umfrage des Mitteldeutschen Rundfunks gaben 74 Prozent der Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen an, das Zusammenwachsen von Ost und West sei nicht geglückt. Nicht, dass man die DDR zurückhaben wolle – das wollen nur ganz wenige. Aber das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland hinterließ trotz aller Wohlstandsgewinne einen bitteren Beigeschmack. In der Folge entwickelte sich eine Differenz zwischen einer positiven Sicht auf die eigene Lage und einer negativen Wahrnehmung  der Lage Ostdeutschlands: Mir selbst geht es eigentlich gut, aber wir Ostdeutschen sind in Deutschland benachteiligt.

Durch Zurücksetzung und Kränkung geprägt 

Damit (re)konstruierte sich eine ostdeutsche Identität. Eine Identität benötigt immer einen negativen Referenzpunkt – und das sind in diesem Fall Westdeutschland und die Westdeutschen. Zum einen sind diese an den erlittenen Verwerfungen und Erfahrungen schuld, zum anderen haben sie kein Verständnis für Ostdeutschland – so die Wahrnehmung vieler Ostdeutscher. Westdeutsche werden als Treiber der beständigen Benachteiligung Ostdeutschlands angesehen. Von ihnen muss man sich abgrenzen. Detlef Pollack beschreibt das in seinem Buch „Das unzufriedene Volk“ als eine Identität, die durch das Gefühl der Zurücksetzung und Kränkung geprägt ist. Und da kann auch ein wirtschaftlicher Aufschwung nur wenig bewirken, bleibt man doch gegenüber den Westdeutschen benachteiligt.

Diese ostdeutsche Identität ist an einen realen Ausgangspunkt der Benachteiligung gebunden –  waren doch Löhne in Ostdeutschland lange Zeit mit dem Verweis auf die geringere Produktivität niedriger und wurde viel an früherer Industrie zurückgebaut. Dies führt gelegentlich zur Einordnung Ostdeutschlands als „verlängerte Werkbank“ Westdeutschlands. Gleichwohl haben sich diese Erfahrungen oft – nicht immer – als Gefühle verselbständigt. Zwar hat man sein Haus und Auto abgezahlt und lebt nun doch gesichert, ohne Gefahr eines Arbeitsplatzverlustes in Bautzen, Dresden, Görlitz oder Leipzig, aber trotzdem bleibt das Gefühl der Benachteiligung.

Ostdeutsche Erfahrungen sichtbar machen

Was hat all das mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung zu tun? Nun ja, es drängt sich der Eindruck auf, dass die Macher:innen der Zeitung – allen voran ihr Verleger Holger Friedrich – es erfolgversprechend zu finden scheinen, auf diese ostdeutsche Identität Bezug zu nehmen. Zwar wollen sie keine Opfernarrative bedienen – so steht es in den publizistischen Leitlinien der Zeitung –; dennoch betonen sie, dass die Zeitung biographische Brüche und Erfahrungen der Ostdeutschen sichtbar machen soll. So schließen sie an das weit verbreitete Gefühl einer ostdeutschen Identität an.

Dass dies erfolgreich sein kann, zeigt der Leipziger Germanist Dirk Oschmann. Er ordnete Ostdeutschland als eine westdeutsche Erfindung ein und sammelte Beispiele für die reale Benachteiligung der Ostdeutschen. Mit diesem Vorgehen traf er in Ostdeutschland auf große Nachfrage. Viele sehen die Ergebnisse seiner Recherchen als Beleg für die Berechtigung einer ostdeutschen Identität sowie für den Vorwurf einer westdeutschen Ausbeutung. Dabei bleibt offen, ob die gegenwärtige persönliche Lage durch frühere Fehler der Treuhand oder den zu geringen Anteil an Ostdeutschen in DAX-Konzernen beeinträchtigt wird.

Ob die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung erfolgreich ist, werden der Markt und die Abrufzahlen zeigen. Eine nachvollziehbare Strategie ist es allemal. Auch wird sich zeigen, welchen Weg die Zeitungsmacher:innen inhaltlich wählen. Bedeutet die Ankündigung, wertfrei zu schreiben, dann keine Politikberichterstattung zu machen? Wohl eher nicht. Derzeit versucht man, das Themenspektrum an die Interessen der Ostdeutschen anzupassen, was aber auch problematische politische Positionen zu beinhalten scheint. So rekurrierte erste Kritik auf eine russlandfreundliche Darstellung und Nius-gleiche positiv klingende Berichterstattung über AfD-Politiker.

Es lässt sich bezweifeln, dass Freundlichkeit gegenüber einer in den meisten ostdeutschen Bundesländern vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingeschätzten Partei für die Demokratie in Ostdeutschland hilfreich ist. So hilfreich es sicherlich sein kann, Ostdeutschen eine Stimme zu geben, so problematisch kann diese Stärkung einer ostdeutschen Identität allerdings auch für das Zusammenwachen von West- und Ostdeutschland und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland sein.

Gert Pickel
Gert Pickel
Prof. Dr. Gert Pickel ist Sprecher des FGZ-Standorts Leipzig. Er forscht u.a. zu Demokratievertrauen, Populismus und Religion.

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Gert Pickel (23. März 2026). Eine ostdeutsche Zeitung für ein ostdeutsches Gefühl. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 6. September 2026 von https://doi.org/10.58079/15xjy


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