Was tun gegen Ungleichheit? Vier Perspektiven auf eine gesellschaftliche Schlüsselfrage
Ökonomische Ungleichheit prägt Lebenschancen, Möglichkeiten politischer Teilhabe und das Vertrauen in demokratische Institutionen. Doch was folgt aus dieser Diagnose? Wie kann Ungleichheit wirksam begegnet werden, und welche politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strategien können sozialen Zusammenhalt stärken? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der öffentlichen Podiumsdiskussion »Was tun gegen Ungleichheit? – Perspektiven für den gesellschaftlichen Zusammenhalt« am 16. September 2026 im Rahmen der FGZ-Jahreskonferenz in Leipzig.

Das Podium v.l.n.r.: Verena Bentele (VdK), Kathrin Leipold (FGZ Konstanz), Dierk Hirschel (ver.di), Johanna Kraft (taxmenow), Axel Salheiser (FGZ Jena), Natalie Grimm (FGZ Göttingen). Foto: FGZ
Wer sich mit Ungleichheit – dem Thema der FGZ-Jahreskonferenz 2026 – auseinandersetzt, kommt um die Beschäftigung mit Klassenverhältnissen und gesellschaftlichen Machtstrukturen nicht herum. Diese Erkenntnis zog sich durch die Diskussionen in Leipzig und bildete den Ausgangspunkt für das von Natalie Grimm und Kathrin Leipold moderierte Podium am ersten Konferenztag. Hier stand allerdings eine bewusst praktisch ausgerichtete Frage im Zentrum: Was tun gegen Ungleichheit?
Das Podium brachte Gäste aus vier Feldern zusammen, in denen Fragen sozialer und ökonomischer Ungleichheit besonders deutlich hervortreten: Verena Bentele vom Sozialverband VdK brachte die Perspektive der Sozialpolitik ein. Axel Salheiser vom FGZ-Standort Jena richtete den Blick auf das Verhältnis von Ungleichheit und Rechtsextremismus. Johanna Kraft vom Verein taxmenow fokussierte darauf, wie Vermögen verteilt ist, während Dierk Hirschel, Chefvolkswirt der Gewerkschaft ver.di, Erwerbsarbeit und Arbeitsverhältnisse beleuchtete. Aus diesen vier Perspektiven diskutierten die Podiumsgäste, warum Ungleichheit so hartnäckig fortbesteht und was sich ändern müsste.
Was Ungleichheit mit Demokratie zu tun hat
Zum Auftakt stand eine bewusst zugespitzte Frage: Was ist eigentlich die größte Gefahr, die von wachsender ökonomischer Ungleichheit ausgeht? Die Antworten führten schnell über die reine Verteilung von Einkommen und Vermögen hinaus. Denn Ungleichheit entscheidet auch darüber, wer teilhaben kann, wer Gehör findet und wer überhaupt die Möglichkeiten besitzt, gesellschaftliche und politische Entscheidungen zu beeinflussen.
Verena Bentele setzte bei Teilhabe und sozialer Sicherheit an. Wo Chancen immer ungleicher verteilt seien, gerate auch das Vertrauen in Sozialstaat und Demokratie unter Druck. Wachsende Ungleichheit könne so gesellschaftliche Spaltung und Entsolidarisierung verstärken und politischen Extremismus begünstigen. Ihre Perspektive machte deutlich: Sozialpolitik ist nicht allein eine Frage materieller Absicherung, sondern berührt unmittelbar die Bedingungen gesellschaftlicher und demokratischer Teilhabe.
An diesem Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Demokratie setzte Axel Salheiser aus einer anderen Richtung an. Er warnte davor, dass antidemokratische Populist:innen Ungleichheit und empfundene Ungerechtigkeit politisch instrumentalisieren. Entscheidend sei, wohin sich Unzufriedenheit richte: gegen ungleiche Verhältnisse – oder gegen diejenigen, die selbst wenig haben? Salheiser verwies in diesem Zusammenhang auf einen »Sozialneid nach unten« und auf die Gefahr, dass soziale Konflikte zu einer Abwertung demokratischer Institutionen und zu gesellschaftlicher Entsolidarisierung führen können, wenn politische und gesellschaftliche Akteure dem nicht gezielt entgegensteuern.
Dierk Hirschel weitete den Blick auf Erwerbsarbeit und wirtschaftliche Entwicklungen. Die Folgen wachsender Ungleichheit zeigen sich ihm zufolge auf verschiedenen Ebenen: bei Gesundheit und Bildung ebenso wie an der sinkenden Kaufkraft unterer Einkommensgruppen. Zwar liege Ungleichheit in der Natur des Kapitalismus; neu seien aber die Geschwindigkeit und die Qualität, in der sie sich seit den 1970er Jahren vertiefe.
Johanna Kraft schließlich lenkte den Blick auf die andere Seite der ungleichen Verteilung: auf große Vermögen und die Macht, die mit ihnen einhergeht. So bedeute extreme Vermögenskonzentration nicht nur, dass einige sehr viel und andere sehr wenig besitzen. Vielmehr eröffne Vermögen auch politische Einflussmöglichkeiten etwa über Medienbesitz, die Finanzierung von Lobbyorganisationen oder Parteispenden. Damit stellte Kraft eine Frage ins Zentrum, die im weiteren Verlauf der Diskussion immer wieder auftauchte: Wann wird ökonomische Ungleichheit zu politischer Ungleichheit? Wenn finanzielle Ressourcen darüber mitentscheiden, wie stark Interessen öffentlich und politisch Gehör finden, berührt Vermögensungleichheit unmittelbar das demokratische Prinzip gleicher politischer Teilhabe.
Schon diese erste Runde zeigte damit eine Verbindung zwischen den zunächst sehr unterschiedlichen Perspektiven: Ungleichheit betrifft nicht nur die Frage, wer wie viel hat. Sie betrifft auch die Verteilung von Chancen, gesellschaftlicher Anerkennung und politischer Macht. Und genau damit war die nächste Frage des Podiums aufgeworfen: Wenn die Probleme und ihre Folgen so lange bekannt sind – warum gelingt es trotzdem immer wieder nicht, Ungleichheit wirksam zu reduzieren?
Ungleichheit hält sich hartnäckig
In der Diskussion wurde klar: Es fehlt nicht unbedingt an Wissen über Ungleichheit. Vielmehr wird Ungleichheit durch Machtverhältnisse, Interessen und gesellschaftliche Vorstellungen davon, was gerecht und was »verdient« ist, immer wieder stabilisiert.
Besonders deutlich wurde das an der Frage nach Leistung. Verena Bentele verwies darauf, wie unterschiedlich die Gesellschaft bewertet, was Menschen dem Staat vermeintlich geben oder nehmen. Während bei Sozialleistungen schnell Begriffe wie »Sozialschmarotzertum« fallen, wird Steuerhinterziehung immer noch gerne zum »Kavaliersdelikt« erklärt. Johanna Kraft knüpfte daran mit Blick auf Vermögen und Erbschaften an. Sie wies darauf hin, dass Erbe eine Sache ist, die ohne eigene Leistung erworben wird, und plädierte für die Wiedereinführung einer Vermögensteuer, um die dynastische Weitergabe von Vermögen zu unterbinden. Die Debatte um Ungleichheit ist damit immer auch eine Debatte darüber, was als Leistung gilt, wem Anerkennung zukommt und welche Formen von Wohlstand gesellschaftlich gerechtfertigt werden.
Doch hinter diesen Deutungen stehen auch handfeste Interessen. Kraft verwies auf die langfristige und strategische Lobbyarbeit sehr Vermögender, wenn es etwa darum geht, eine stärkere Besteuerung großer Vermögen zu verhindern. Damit verschob sich die Diskussion von der Frage der Verteilung zur Frage der Macht.
Genau hier setzte Dierk Hirschel aus der Perspektive der Erwerbsarbeit an. Für ihn hat die Ungleichheit in Deutschland inzwischen eine neue Qualität erreicht. Zugleich seien frühere Kräfteverhältnisse ins Wanken geraten, da es den Gewerkschaften nicht mehr gelinge, im Dienstleistungssektor einen so hohen Organisationsgrad zu erlangen, wie sie dies früher im Industriesektor hatten. Auch die Bindungen zwischen Gewerkschaften und Parteien werden schwächer, sodass sich die Frage stellt, wer heute überhaupt noch Gegenmacht organisieren kann.
Axel Salheiser brachte noch eine weitere Ebene ins Spiel: Ungleichheit wird nicht nur materiell hergestellt, sondern auch politisch gedeutet und legitimiert. Rechte und stark neoliberal geprägte Diskurse können dazu beitragen, bestehende Ungleichheiten zu rechtfertigen oder gesellschaftlichen Unmut in eine andere Richtung zu lenken – etwa auf Migrant:innen oder rassistisch markierte Gruppen. An diesen Punkt anschließend unterstrich Verena Bentele: Entscheidend sei nicht nur, wie ungleich eine Gesellschaft ist, sondern auch, wie sie sich diese Ungleichheit erkläre. Wer gilt als verantwortlich? Wer als »Leistungsträger«?
So unterschiedlich die Zugänge auf dem Podium waren, an diesem Punkt kamen sie zusammen: Ungleichheit ist nicht einfach da. Sie wird politisch ausgehandelt, gesellschaftlich erzählt und durch unterschiedliche Machtressourcen abgesichert. Entsprechend braucht es für ihre Veränderung mehr als einzelne politische Instrumente – nämlich Mitbestimmung, organisierte Gegenmacht, Vernetzung und neue Allianzen.
Die Instrumente sind da, aber wer setzt sie durch?
Viele Instrumente und Ideen, wie ökonomische Ungleichheit reduziert werden könnte, werden seit Jahren diskutiert und kamen auch in der Diskussion zur Sprache: eine gerechtere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften, eine Stärkung guter und tariflich abgesicherter Erwerbsarbeit, ein leistungsfähiger Sozialstaat, mehr Mitbestimmung sowie bessere Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe.
Die schwierigere Frage lautet deshalb möglicherweise nicht mehr nur: Was tun gegen Ungleichheit? Sondern ebenso: Wie entstehen die gesellschaftlichen Mehrheiten und die politische Durchsetzungskraft, um vorhandene Ansätze tatsächlich umzusetzen?
Damit führte das Podium am Ende über seine Ausgangsfrage hinaus. Die Herausforderung besteht nicht allein darin, neue Instrumente gegen Ungleichheit zu erfinden. Viele davon liegen längst auf dem Tisch. Entscheidend ist, Bündnisse zu schaffen, Interessen zu organisieren und gemeinsam an den Erzählungen darüber zu arbeiten, was wir unter Leistung, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Solidarität verstehen. Gerade darin könnte eine Voraussetzung dafür liegen, aus der vielfach beschriebenen Diagnose wachsender Ungleichheit tatsächlich gesellschaftliche Veränderung werden zu lassen.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Kathrin Leipold (1. Oktober 2026). Was tun gegen Ungleichheit? Vier Perspektiven auf eine gesellschaftliche Schlüsselfrage. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 15. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16vbo

