»Deutschland ist schon extrem weit gekommen« – Astrid Lorenz über den Stand der deutschen Einheit
Wie geeint ist Deutschland 36 Jahre nach der Wiedervereinigung? Im Interview spricht die Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz über Ost-West-Unterschiede, ungleiche Vermögen und Lebenschancen, die Unterrepräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen sowie darüber, welche spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen in Ostdeutschland zusammenwirken.
Frau Lorenz, 36 Jahre nach der Wiedervereinigung feiern wir am 3. Oktober erneut den Tag der Deutschen Einheit. Wenn Sie als Politikwissenschaftlerin eine Art Bestandsaufnahme vornehmen: Wie geeint ist die deutsche Gesellschaft heute – und an welchen Stellen verlaufen die wichtigsten Trennlinien?
Die deutsche Gesellschaft ist in Ost und West heterogener geworden. Wir sehen Unterschiede bei den Einstellungen, thematischen Interessen und Lebensstilen nach Milieu, Alter und Einkommen, aber auch je nachdem, ob jemand in einer Großstadt oder auf dem Land lebt, ob jemand migrantische Wurzeln hat und welche Wurzeln das sind. Ost-West-Unterschiede sind Teil dieser komplexen Gemengelage, und nicht immer handelt es sich um »echte« Ost-West-Unterschiede. Manches liegt schlicht daran, wie sich die Gesellschaft in Ost- und Westdeutschland zusammensetzt. Im Osten lebt jeder dritte in ländlichen Regionen, im Westen nur jeder fünfte. Im Osten ist das Durchschnittsalter höher als in Westdeutschland, die Vermögen und Einkommen sind geringer, weniger Menschen haben einen Universitätsabschluss.
Und dann gibt es natürlich noch politisch-kulturelle Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen. Diese speisen sich aus in der Familie und der Region überlieferten Narrativen zur Politik und beruhen auch auf unterschiedlichen Erfahrungen. Spezifisch ostdeutsche Erfahrungen waren etwa der Systemwechsel, das anschließende Schrumpfen von Städten und Dörfern sowie die kontinuierliche Abwanderung junger und höher gebildeter Menschen aus den Klein- und Mittelstädten und den ehemaligen »Neubaugebieten« der Großstädte. Die beiden wichtigsten Faktoren sind jedoch die weit niedrigere Parteienbindung in Ostdeutschland sowie die höhere Bereitschaft, Unzufriedenheit zu äußern.
Vor kurzem haben die Menschen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern neue Landesparlamente gewählt. Was erzählen uns diese drei Wahlen über den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Und wie viel Erklärungskraft besitzt dabei noch die Kategorie »Ostdeutschland«?
Sie erzählen uns, dass es in weiten Teilen der Bevölkerung in Ostdeutschland die Sehnsucht nach einem Wir-Gefühl (das »Volk«) und der Idee gibt, dass man den Machteliten an der Wahlurne Einhalt gebieten kann (»Alles ist möglich!«). In gewisser Weise trifft das auch auf Berlin und die Losung »Immobilienkonzerne enteignen!« zu. In anderen Bevölkerungsteilen, die traditionell individualistischer agieren, stieg die Bereitschaft, rein taktisch zu wählen, um in einem gemeinsamen Akt »die Demokratie zu retten« (»Frau gegen Blau«). So hat die rhetorische Polarisierung im Wahlkampf den Zusammenhalt jeweils innerhalb von großen Teilen der Gesellschaft gestärkt, aber die Spaltung zwischen diesen Teilen vertieft.
Man darf bei solchen Bewertungen jedoch das Große und Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Es gab ja 2026 noch andere Wahlen. In Baden-Württemberg, wo fast anderthalbmal so viele Menschen leben wie in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zusammen, hießen die Wahlsieger Grüne und CDU. In Rheinland-Pfalz nahm die Union der lange dominanten SPD die Führungsrolle ab. Wir sollten deshalb vorsichtig damit sein, deutschlandweite Trends und Muster auszurufen. Es gibt regionale Unterschiede zwischen den Bundesländern, in Ost und West.
Der 2024 von Ihnen mit herausgegebene Sammelband »Ostdeutschland – Identität, Lebenswelt oder politische Erfindung?« zeigt, dass »Ostdeutschland« trotz großer regionaler und sozialer Unterschiede weiterhin eine sinnvolle analytische Kategorie ist. Was macht Ostdeutschland heute noch zu einer besonderen gesellschaftlichen Erfahrungswelt – gerade für Generationen, die die DDR selbst kaum oder gar nicht erlebt haben?
Das Besondere an Ostdeutschland heute ist aus meiner Sicht weniger eine gemeinsame DDR-Erfahrung als das Fortwirken und Zusammentreffen bestimmter gesellschaftlicher Bedingungen. Der Band zeigt, dass vieles, was oberflächlich als »typisch ostdeutsch« gilt, auch anderswo vorkommt, und dass die Unterschiede innerhalb Ostdeutschlands erheblich sind. Gleichzeitig finden wir aber weiterhin Besonderheiten. Es gibt weniger Großunternehmen, Bruttoinlandsprodukt und Steuereinnahmen sind niedriger, weniger Menschen sind zivilgesellschaftlich und in Parteien organisiert, und Ostdeutsche sind in Führungspositionen – beispielsweise in DAX-Unternehmen, der Bundeswehr oder der Justiz – unterrepräsentiert. Entscheidend ist, wie sich solche Faktoren verdichten: Abwanderung, demografischer Wandel, geringere wirtschaftliche Ressourcen oder die Erfahrung, in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen weniger repräsentiert zu sein, treffen in Ostdeutschland in besonderer Weise zusammen und prägen damit auch die Lebenswelt derjenigen, die lange nach 1990 geboren wurden. Hinzu kommt, dass das Identitätslabel »ostdeutsch«, wie schon erwähnt, durch Familienerzählungen, aber auch durch öffentliche Debatten und Fremd- wie Selbstzuschreibungen weitergegeben und immer wieder neu hergestellt wird. Dieser spezifische gesellschaftliche Kontext strukturiert Identitätsangebote, die Menschen annehmen können, aber nicht müssen. Das ist vielleicht in Teilen ähnlich zum Ruhrgebiet oder zu Bayern.
Einheit ist nicht nur eine Frage von Einstellungen und Identitäten, sondern auch von materiellen Lebensbedingungen. Gerade bei den Vermögen bestehen zwischen Ost- und Westdeutschland bis heute erhebliche Unterschiede – etwa beim Immobilienbesitz, bei Erbschaften und den Möglichkeiten, über Generationen Vermögen weiterzugeben. Wie stark wirken solche ungleichen materiellen Ausgangsbedingungen mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch fort? Und welche Folgen haben sie für das Gefühl, gleichberechtigter Teil des vereinten Deutschlands zu sein?
Diese Unterschiede gibt es zweifellos, und die Vermögen sind einer der Posten, bei denen der Osten tatsächlich weiter recht homogen ist. Praktisch allen Ostdeutschen geht es heute materiell weit besser als in der DDR. Zugleich ist die Angleichung von Wirtschaftsstrukturen ein langwieriger Prozess, der Zeit und Investitionen braucht. Die Unterschiede haben einen Einfluss darauf, wie selbstsicher ich meine Karriere plane, ob ich es mir leisten kann, an den attraktivsten (und teuren) Orten zu studieren, ob es mir leicht oder schwer fällt, ein E-Auto zu kaufen oder wie gut meine Eltern im Alter gepflegt werden können. Sie haben also einen massiven Einfluss auf die langfristigen individuellen Lebenschancen und die Lebenslagen in jeder Altersgruppe.
Die Unterschiede beeinflussen auch die Politik. Das Bundesland im Osten, das am meisten Steuern einnimmt, liegt damit noch unter dem Bundesland im Westen, das am wenigsten Steuern einnimmt. Dank des Bund-Länder-Finanzausgleich gleicht der Staat das großzügig aus: Der Anteil von Steuermitteln aus dem Finanzausgleich an den gesamten Steuermitteln im Osten liegt weit über der Quote aller westdeutschen Länder. Das hilft dabei, Sozialausgaben, die Polizei, Straßen, Schulen und Sportvereine zu finanzieren. Gerade jetzt, wo der Staat selbst Finanzierungsprobleme hat, sehen wir, wie sehr wir auf das öffentliche Geld angewiesen sind.
Man sollte bei all dem nicht vergessen: Großen Gruppen Westdeutscher geht es ähnlich. Auch Menschen, die nach Deutschland zugewandert sind, müssen sich durchkämpfen, auch Regionen wie das Ruhrgebiet müssen einen Strukturwandel gestalten, auch aus westdeutschen Dörfern wandern junge Leute ab, und viele Kommunen in Westdeutschland sind hochverschuldet.
Zu Ihrer aktuellen Forschung gehört der »Elitenmonitor« zur Repräsentation Ostdeutscher in gesellschaftlichen Führungspositionen. Auch 2026 sind Ostdeutsche dort weiterhin deutlich unter ihrem Bevölkerungsanteil vertreten. Was macht diese Unterrepräsentation mit gesellschaftlichem Zusammenhalt? Geht es dabei vor allem um reale Aufstiegschancen – oder ebenso um Anerkennung und das Gefühl, dass die eigene Perspektive in gesamtdeutschen Institutionen vorkommt?
Es geht um beides: um reale Aufstiegschancen und ebenso um Anerkennung und Zugehörigkeit. Dass Ostdeutsche unterrepräsentiert sind, ist zunächst eine sehr konkrete Ungleichheit. Denn unsere Analysen zeigen, dass selbst Ostdeutsche mit einem grundsätzlich für Spitzenpositionen geeigneten Bildungs- und Berufsprofil geringere Aufstiegschancen haben als vergleichbare Westdeutsche. Diese Situation hat aber zugleich eine symbolische und gesellschaftliche Dimension. Wenn eine große Bevölkerungsgruppe in den Führungsetagen dauerhaft deutlich seltener vorkommt, kann der Eindruck entstehen, dass ihre Erfahrungen und Perspektiven weniger zählen. Das finden übrigens auch die Eliten selbst. Rund 70 Prozent der von uns Befragten halten die Unterrepräsentation für problematisch, weil dadurch Erfahrungen und Sichtweisen in Entscheidungsprozessen fehlen. Fast ebenso viele sehen einen Zusammenhang mit dem Gefühl vieler Ostdeutscher, »Bürger zweiter Klasse« zu sein. Und , die im Rahmen einer früheren Elitenstudie 2018 durchgeführt wurde, zeigt, warum das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt relevant ist: Wer die Unterrepräsentation wahrnimmt und als ungerecht oder als Ausdruck von Benachteiligung bewertet, ist weniger zufrieden mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Demokratie und hat weniger Vertrauen in den Bundestag, auch wenn dies nicht der alleinige Erklärungsfaktor für Unzufriedenheit und Vertrauen ist.
Zum Abschluss eine Frage mit Blick nach vorn: Wenn »Vollendung der Einheit« nicht bedeuten kann, dass Ost und West irgendwann völlig gleich werden – was wäre dann ein realistischer Maßstab für gesellschaftliche Einheit? Woran könnten wir in zehn Jahren erkennen, dass Deutschland bei Zusammenhalt, Anerkennung und gleichwertigen Lebensverhältnissen tatsächlich weitergekommen ist?
Ich würde sagen, Deutschland ist schon bisher bei Zusammenhalt, Anerkennung und gleichwertigen Lebensverhältnissen extrem viel weitergekommen. Wenn Menschen aus dem Ausland nach Deutschland reisen, sehen sie oft keinen Unterschied nach Ost und West, sondern bemerken eher andere Differenzen. Teile der Generation Z können mit Begriffen wie ost- und westdeutsch gar nichts mehr anfangen. Sie bewegen sich selbstbewusst in Deutschland und der Welt. Investitionen in zukunftsträchtige Bereiche in Ostdeutschland können dieses Selbstbewusstsein stärken und die Basis für die dauerhafte Finanzierung von Gesundheit, Pflege, Bildung usw. sichern. Öffentliche Debatten können dazu beitragen, für Probleme zu sensibilisieren, und Wähler:innen können an der Wahlurne Druck ausüben. Aber am Ende braucht es Kompromisse, Zugewandtheit und einen langen Atem, um Lösungen für strukturelle Probleme zu finden, die es in ganz Deutschland gibt.
Interview: Sarah Lempp
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Astrid Lorenz (24. September 2026). »Deutschland ist schon extrem weit gekommen« – Astrid Lorenz über den Stand der deutschen Einheit. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 14. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16u2v


