Der Kulturkampf erreicht den Trinkwasserbrunnen
Trinkwasserbrunnen, begrünte Fassaden und weniger Asphalt sollen Menschen vor Hitze und anderen Folgen des Klimawandels schützen. Eigentlich könnte man erwarten, dass solche konkreten Maßnahmen weniger polarisieren als Wärmepumpe oder Verbrenner-Aus. Doch neue Daten der STEADY-Studie zeigen deutliche politische Unterschiede: Unter AfD-Wählerinnen und ‑Wählern ist die Zustimmung zu Klimaanpassungsmaßnahmen besonders gering. Zur CDU/CSU-Wählerschaft beträgt der Abstand bei einzelnen Maßnahmen fast 30 Prozentpunkte.

Illustration: Italic Visual Design
Der Sommer 2026 hat drastisch gezeigt, worum es geht. Das Robert-Koch-Institut schätzt für Deutschland bis Mitte August rund 15.800 hitzebedingte Sterbefälle; besonders betroffen waren ältere Menschen. Das RKI veröffentlicht hierzu ein fortlaufendes Monitoring der hitzebedingten Mortalität.
Auch die Trockenheit hinterließ deutliche Spuren. Ende Juli waren laut Umweltbundesamt alle großen Flüsse Deutschlands von Niedrigwasser betroffen. Niedrige Wasserstände beeinträchtigen nicht nur Schifffahrt und Wassernutzung, sondern belasten auch Ökosysteme.
Wie unterschiedlich die Folgen einer sich erwärmenden Welt ausfallen können, zeigte Ende August auch ein Ereignis im Himalaya: An der Grenze zwischen Nepal und Tibet löste ein Gletscherkollaps eine Flut- und Gerölllawine aus. Nach aktuellem Behördenstand kamen rund 1.127 Menschen ums Leben, mehr als 4.000 gelten weiterhin als vermisst. Forschende weisen darauf hin, dass die Erderwärmung die Risiken in Hochgebirgs- und Gletscherregionen verändert.
Klimaanpassung ist damit keine Vorsorge für eine ferne Zukunft. Doch ob konkrete Anpassungsmaßnahmen gesellschaftlich akzeptiert werden, ist keineswegs selbstverständlich. Die Frage ist nicht mehr nur, wie wir uns an Klimafolgen anpassen können, sondern auch, ob unsere Gesellschaft bereit ist, die notwendigen Maßnahmen umzusetzen.
Was die STEADY-Studie zeigt
Im Rahmen der Studie STEADY – Sozial-ökologische Transformation und demokratische Stabilität wurden im Mai 2026, noch vor den großen Hitzewellen dieses Sommers, 1.030 Menschen zwischen 18 und 74 Jahren in Deutschland befragt. Die Rekrutierung erfolgte über das Online-Access-Panel des Marktforschungsinstituts Bilendi; nach Alter, Geschlecht und Bildung wurde quotiert. Die ausgewiesenen Parteianteile sind keine Wahlumfrage. Gefragt wurde unter anderem, wie akzeptabel öffentliche Ausgaben für Trinkwasserbrunnen, Dach- und Fassadenbegrünung sowie die Entsiegelung asphaltierter Flächen – also die Umwandlung versiegelter Flächen in wasserdurchlässige oder begrünte Bereiche – sind.

Abbildung 1: Anteil der Befragten, die öffentliche Ausgaben für die jeweilige Klimaanpassungsmaßnahme als »eher« oder »sehr akzeptabel« bewerten. Quelle: STEADY 2026. Kleine Fallzahlen bei FDP und BSW sind vorsichtig zu interpretieren.
Die Unterschiede sind deutlich. Unter Grünen-Wählerinnen und ‑Wählern unterstützen 77 Prozent öffentliche Trinkwasserbrunnen, 86 Prozent Begrünung und 82 Prozent Entsiegelung. Bei AfD-Wählerinnen und ‑Wählern sind es lediglich 44, 43 und 38 Prozent.
Aufschlussreich ist der Vergleich mit der konservativen Union. Bei CDU/CSU-Wählerinnen und ‑Wählern unterstützen 57 Prozent Trinkwasserbrunnen, 69 Prozent Begrünung und 66 Prozent Entsiegelung. Bei Begrünung und Entsiegelung beträgt der Abstand zur AfD damit rund 26 beziehungsweise 29 Prozentpunkte.
Die Unterschiede folgen damit nicht einfach einem Gegensatz zwischen einem »grünen« und einem »konservativen« Lager. Auffällig ist vielmehr die große Distanz zwischen CDU/CSU- und AfD-Wählerschaft. Das passt zu Forschungsergebnissen, nach denen die populistische radikale Rechte klimapolitische Fragen zunehmend mit breiteren politischen Konflikten verknüpft und Klimaschutz etwa als wirtschaftliche Bedrohung, ungerechte Belastung oder Projekt abgehobener Eliten darstellt.
Der Kulturkampf endet nicht beim Verbrenner oder bei der Wärmepumpe. Er erreicht inzwischen sogar den Trinkwasserbrunnen.
Klimaskepsis bleibt nicht folgenlos

Abbildung 2: Anteil der Befragten, die den Klimawandel überwiegend oder ausschließlich auf menschliches Handeln zurückführen. Quelle: STEADY 2026.
Unter Grünen-Wählerinnen und ‑Wählern führen 79 Prozent den Klimawandel überwiegend oder ausschließlich auf menschliches Handeln zurück, bei der Linken 76 Prozent, bei der SPD 61 Prozent und bei CDU/CSU rund 50 Prozent. Unter AfD-Wählerinnen und ‑Wählern sind es nur 28 Prozent. Diese Skepsis gegenüber der menschlichen Verursachung des Klimawandels ist kein ausschließliches AfD-Phänomen.
Sie findet sich auch in anderen Wählergruppen und unter Nichtwählerinnen und Nichtwählern. Die AfD-Wählerschaft fällt dennoch deutlich auf: Nur 28 Prozent führen den Klimawandel überwiegend oder ausschließlich auf menschliches Handeln zurück. Zugleich ist bei ihr die Zustimmung zu allen drei untersuchten Anpassungsmaßnahmen unter den Parteiwählerschaften am geringsten.
Weitere Analysen zeigen in der Gesamtstichprobe einen klaren Zusammenhang: Je stärker die Klimaskepsis, desto geringer ist die Unterstützung konkreter Klimaanpassung. Bemerkenswert ist, dass sich dieses Muster auch innerhalb der AfD-Wählerschaft zeigt.
Die Skepsis gegenüber dem menschengemachten Klimawandel geht in unseren Daten also über eine abstrakte Einschätzung seiner Ursachen hinaus. Sie hängt auch damit zusammen, ob Menschen konkrete Maßnahmen unterstützen, die sie vor Klimafolgen schützen sollen.
Dazu passt eine aktuelle deutsche Panelstudie mit 2.744 Befragten. Nach der Flutkatastrophe von 2021 stieg die Wahrnehmung des Hochwasserrisikos insgesamt – nicht jedoch bei Menschen mit AfD-Identifikation. Bei ihnen gingen die wahrgenommene Bedeutung von Klimaschutz und die Wahrnehmung von Klimarisiken sogar zurück.
Extremwetter spricht offenbar nicht für sich. Politische Überzeugungen beeinflussen, was Menschen darin sehen.
Drei Dinge, die daraus folgen
Darauf zu warten, dass weitere Hitzewellen die Polarisierung von selbst beseitigen, wäre fahrlässig. Aus der Forschung lassen sich drei Konsequenzen ableiten:
- Konkreten Schutz sichtbar machen. Experimente aus den USA zeigen, dass Republikaner Klimaanpassungsmaßnahmen stärker unterstützen, wenn der Schutz vor Extremwetter statt der Klimawandel selbst im Vordergrund steht. Das lässt sich nicht eins zu eins auf Deutschland oder die AfD-Wählerschaft übertragen. Der Befund spricht aber dafür, konkret über Schatten, Trinkwasser, Gesundheit, Hochwasserschutz und sichere Infrastruktur zu sprechen.
- Nicht auf den perfekten moralischen Appell hoffen. Eine aktuelle Studie aus Deutschland und den USA konnte frühere Befunde nicht bestätigen, wonach auf konservative Werte zugeschnittene Umweltbotschaften besonders wirksam sind. Politische Identitäten lassen sich offenbar nicht mit dem richtigen Slogan wegkommunizieren.
- Beteiligung und Handlungsfähigkeit zusammendenken. Klimaanpassung braucht Kommunikation und Beteiligung. Doch politische Polarisierung darf nicht dazu führen, dass wirksame Schutzmaßnahmen auf unbestimmte Zeit vertagt werden. Wo gesundheitliche Risiken klar sind, muss Politik handeln – auch wenn nicht alle überzeugt sind. Beteiligung kann Maßnahmen verbessern und ihre Akzeptanz erhöhen; sie darf aber nicht zum Hindernis für wirksamen Gesundheitsschutz werden.
Zielgruppengerechte Kommunikation darf deshalb nicht heißen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu relativieren oder radikal-rechte Klimaskepsis zu normalisieren.
Breite Zustimmung ist wichtig. Aber sie darf nicht die Bedingung dafür sein, dass Menschen vor Hitze und Hochwasser geschützt werden. Mit diesen gesellschaftlichen Bedingungen erfolgreicher Klimaanpassung beschäftigt sich auch das europäische Forschungsprojekt PRO-CLIMATE. Das von der Universität Leipzig geleitete Leipziger Living Lab untersucht gemeinsam mit kommunalen und gesellschaftlichen Akteuren, wie Klimaanpassung besser kommuniziert, gesellschaftlich verankert und praktisch umgesetzt werden kann
Denn das Problem ist nicht nur technisch und nicht nur kommunikativ. Es ist politisch. Wir können mit Klimaanpassung nicht warten, bis über die Ursachen des Klimawandels gesellschaftlicher Konsens herrscht. Die Hitze wartet schließlich auch nicht.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Alexander Yendell (3. September 2026). Der Kulturkampf erreicht den Trinkwasserbrunnen. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 15. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16pvr

