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Stabil und langfristig identifiziert: Wieso die AfD in Sachsen-Anhalt so gute Karten hat

Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Angesichts der Aussicht, dass die AfD stärkste Kraft werden könnte, richtet sich bundesweit große Aufmerksamkeit auf die  Wahl. In dieser Blogreihe analysieren FGZ-Mitglieder auf Grundlage ihrer Forschung mögliche Gründe für das Wahlverhalten in dem Bundesland sowie die strukturellen Herausforderungen, vor denen es steht. Der folgende Beitrag von Gert Pickel (FGZ Leipzig) analysiert zentrale Einflussfaktoren des AfD-Wahlverhaltens.

Illustration: Italic Visual Design

Nach 1945 etablierte sich in Deutschland – erst durch die Besatzungsmächte verordnet, dann aus eigener Überzeugung – ein Konsens darüber, dass extrem rechte Parteien nicht wieder an die Macht kommen sollten. Umgesetzt wurde diese Überzeugung 1952 durch das Verbot der rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei. Rechtsextremes Gedankengut verschwand nie ganz, allerdings gelang es konservativen Parteien, breite Teile der Bevölkerung für sich zu gewinnen und mit Unterbrechungen die Bundesregierungen zu stellen.

Selbst mit dem Umbruch 1990 schien sich diese Situation nicht grundsätzlich zu ändern, profitierte doch vor allem die CDU von der Wiedervereinigung. Die PDS, einer Art ostdeutscher Anomalie im Parteiensystem, wurde in der deutschen Politik zunächst nur als kurze Episode eingeschätzt. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich in aktuellen Wahlumfragen für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nicht nur die Linke mit 12 Prozent als dritte Kraft etabliert hat, sondern dass 41 Prozent beabsichtigen, mit der AfD eine gesichert rechtsextreme Partei zu wählen.

Es ist nicht mehr die Frage, ob die AfD bei der Landtagswahl 2026 die stärkste Kraft wird, sondern ob sie es zu einer absoluten Mehrheit und Alleinregierung schafft. Wie sich die Unterstützung der AfD erklären lässt und in welchem Einstellungsklima der Bürger:innen sich dies vollzieht, diskutiere ich im Folgenden auf Basis von Daten des Sachsen-Anhalt-Monitors 2025.

Parteiidentifikation entscheidender als Sachfragen und Personen

In der Wahlforschung existieren verschiedene Ansätze zur Erklärung von Wahlverhalten. Einer davon ist das sozialpsychologische Ann-Arbor-Modell. Es geht davon aus, dass Menschen aufgrund sozialstruktureller Merkmale (ethnische Zugehörigkeit, Bildungsstand, sozialer Status) und ihres familiären Umfelds eine sich über längere Zeit stabilisierende Parteiidentifikation ausbilden. Neben dieser langfristigen Bindung an eine Partei spielen dem Modell zufolge zwei kurzfristigere Faktoren eine Rolle bei der Wahlentscheidung – nämlich Sachfragen und die zur Wahl stehenden Personen. Während sich die Parteiidentifikation nur langsam ändert, erfolgt die Bewertung der Kandidat:innen und Sachfragen kurzfristig und je nach Angebot.

Blickt man auf Sachsen-Anhalt, dann besteht zwischen den beiden Spitzenkandidaten Sven Schulze (CDU) und Ulrich Siegmund (AfD) nur ein geringer Unterschied von zuletzt 36 zu 32 Prozent. Der Kandidat wird die Wahl also wohl nicht entscheiden. Während Wähler:innen der AfD generell hohe Kompetenzen bei der Kriminalitätsbekämpfung, einer harten Asyl- und Flüchtlingspolitik und ostdeutschen Interessen zuschreiben, sehen sie diese bei der CDU in den Bereichen Wirtschaft, Kriminalitätsbekämpfung sowie Außen- und Verteidigungspolitik.

Auf die Frage danach, welche Themen in Sachsen-Anhalt am dringendsten zu lösen seien, nannten die Befragten im Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 am häufigsten Infrastruktur und Mobilität, dicht gefolgt von den Themen Wirtschaft und Finanzen. Das Thema Migration folgte an fünfter Stelle. Das zeigt, dass sich in der Bevölkerung manchmal andere Schwerpunktsetzungen finden lassen, als die Themensetzung durch die Parteien erwarten ließe.

Den Ergebnissen der Wahlforschung nach ist die Parteiidentifikation allerdings deutlich ausschlaggebender für Wahlentscheidungen als Sachfragen oder die zur Wahl stehenden Kandidat:innen. Zwar gaben 2025 ein Drittel der Sachsen-Anhalter:innen an, sich keiner Partei verbunden zu fühlen; mit 22 Prozent fiel jedoch der Anteil derjenigen mit einer Parteipräferenz bei der AfD eindeutig am höchsten aus und liegt ganze neun Prozent vor der CDU. Somit kann die AfD in Sachsen-Anhalt im Vergleich zu den anderen Bundesländern auf den höchsten Anteil an potentiellen Wähler:innen aufgrund einer Parteiidentifikation zurückgreifen. Dies deckt sich mit Erkenntnissen über eine hohe Stabilität der AfD-Wählerschaft in ostdeutschen Bundesländern.

Geringer gebildet, jünger, männlicher, autoritär orientiert

Wie konnte sich diese Parteiidentifikation ausbilden und worauf beruht sie? Statistische Analysen zeigen hier ein komplexes Szenario. Neben einer politisch-ideologisch rechten Orientierung fördert eine formal niedrige oder auch mittlere Bildung die Nähe zur AfD. Die AfD-Anhängerschaft ist zudem leicht jünger und männlicher als der Bundesdurchschnitt und fokussiert auf eine starke Ablehnung von Muslimen sowie sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Begünstigt werden diese Positionen durch einen höheren Glauben an Verschwörungserzählungen sowie den Wunsch danach, in sozialen Hierarchien über jemandem zu stehen.

Neben diesen eher ideologischen und psychologischen Faktoren fördert auch das Gefühl einer persönlichen oder kollektiven Benachteiligung die Nähe zur AfD. 85 Prozent ihrer Anhänger:innen fühlen sich als Ostdeutsche als Bürger:innen zweiter Klasse (Durchschnitt Sachsen-Anhalt: 62 Prozent), und 64 Prozent von ihnen fühlen sich persönlich benachteiligt (Durchschnitt Sachsen-Anhalt: 38 Prozent). Diese Benachteiligungsgefühle in Kombination mit einer Ablehnung von Pluralität prägen die Wahlerfolge der AfD. Die eigene wirtschaftliche Lage ist hingegen nicht entscheidend dafür, ob jemand der AfD zuneigt oder nicht.

Vielleicht noch kein Scheideweg, aber ein Warnschuss

Es sind also vor allem Wahrnehmungen und Gefühle von Benachteiligung – gerade auch als Ostdeutsche –, welche die AfD als Partei des Ostens attraktiv werden lassen. Die Ablehnung von Veränderung und Pluralität sowie das Ideal einer stereotypen Männlichkeit können ein weiterer Grund für die Wahl der AfD sein. Identifiziert sich jemand erst einmal mit der AfD, wehrt er oder sie kritische Einordnungen der AfD ab bzw. ordnet diese als Propaganda ein. Dies reduziert das Risiko einer kognitiven Dissonanz, die entstehen würde, wenn man sich solchen Einordnungen stellt. Zudem kann man sich als Mitglied einer besser informierten Gruppe fühlen.

Derzeit liegt die AfD in Umfragen nur ein Prozent von der absoluten Mehrheit entfernt. Welche Folgen eine mögliche Wahl der AfD in Sachsen-Anhalt in die Regierungsverantwortung hätte, ist noch nicht vollständig überschaubar. Sie werden aber weitreichend sein. Extrem rechte Parteien machen in der Regel, was sie sagen. Und dies wird sich nicht auf das Entfernen von Regenbogenflaggen an Schulen und forcierte Rückführungen beschränken.

2024 sagte jede achte Person in einer deutschlandweiten Umfrage, dass sie bei einer AfD-Regierung das jeweils eigene Bundesland verlassen würde. Da sich dies vor allem gut ausgebildete Personen mit einer Perspektive in anderen Bundesländern leisten können, dürfte eine solche Entwicklung für Sachsen-Anhalt nachhaltige wirtschaftliche Einschnitte mit sich bringen – ganz abgesehen von den kulturellen und politischen Veränderungen.

Gert Pickel
Gert Pickel
Prof. Dr. Gert Pickel ist Sprecher des FGZ-Standorts Leipzig. Er forscht u.a. zu Demokratievertrauen, Populismus und Religion.

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Gert Pickel (12. August 2026). Stabil und langfristig identifiziert: Wieso die AfD in Sachsen-Anhalt so gute Karten hat. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 6. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16nuq


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