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Transformationsregion Sachsen-Anhalt: Blauer Rauch statt grüner Strom?

Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Angesichts der Aussicht, dass die AfD stärkste Kraft werden könnte, richtet sich bundesweit große Aufmerksamkeit auf die  Wahl. In dieser Blogreihe analysieren FGZ-Mitglieder auf Grundlage ihrer Forschung mögliche Gründe für das Wahlverhalten in dem Bundesland sowie die strukturellen Herausforderungen, vor denen es steht. Im folgenden Beitrag diskutieren Axel Salheiser und Christoph Richter (FGZ Jena), welche Einstellungen zum Klimawandel und zur sozial-ökologischen Transformation sich in Sachsen-Anhalt finden und wie sich die hier vorgefundenen Haltungen erklären lassen.

Illustration: Italic Visual Design

Auch jenseits der Frage, wie stark die AfD bei den Landtagswahlen wird, stellt sich die grundsätzliche Frage, wie eine zukünftige Landesregierung die riesigen Herausforderungen angehen will, vor denen das kleine Bundesland steht. Zu diesen Herausforderungen gehört nicht zuletzt auch der Umgang mit der Klimakrise und der Umbau hin zu einer zukunftsfähigen Energiegewinnung. Wie wir in diesem Beitrag zeigen, finden sich diesbezüglich in Sachsen-Anhalt besonders hohe Ablehnungswerte.

Einer der Gründe hierfür könnte sein, dass Sachsen-Anhalt in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten viel durchmachen musste. So manche im Land mögen deshalb »transformationsmüde« sein und mit Skepsis in die Zukunft blicken. Seit der Wiedervereinigung verliefen einige Entwicklungspfade erfolgreich, andere erfolglos, wiederum andere wurden abgebrochen – so etwa der Auf- und Ausbau einer heimischen Solarindustrie (»Solar Valley«) bei Bitterfeld-Wolfen, der vor gut einem Vierteljahrhundert startete und mit dem das Bundesland heute vielleicht eine (zumindest europäische) Vorreiter- und Marktführerstellung auf dem Gebiet innehätte.

Hinzu kommt, dass die wirtschaftlichen Bedingungen insgesamt in Sachsen-Anhalt schwierig sind. Vor allem der demografische Wandel macht Sachsen-Anhalt zu schaffen, somit sind mittelfristig auch die Prognosen für die Wirtschaftsentwicklung, die Belastung öffentlicher Haushalte und den Ausbau der Infrastruktur nicht günstig. All dies sind keine Pullfaktoren für das Bundesland, um Bürger:innen und Investor:innen anzulocken. Und wenn die AfD an die Macht käme, würde zudem deren ethno-nationalistische Politik abschreckende Wirkung erzielen, wahrscheinlich viele Menschen zur Abwanderung zwingen und eine negative Dynamik verstärken.

Umwelt, Demografie und Wirtschaft zusammendenken

Schaut man in den letzten Sachsen-Anhalt-Monitor (2025) – eine jährliche repräsentative Einwohnerbefragung zu Fragen der Demokratie und politischen Themen im Bundesland –, sieht man, dass vergleichsweise wenige Bürger:innen Umwelt und Energie als eines der wichtigsten Probleme bezeichnen, die in Sachsen-Anhalt zu lösen sind. Ähnlich verhält es sich mit dem demografischen Wandel – obwohl die öffentlichen Statistiken hier klar eine andere Sprache sprechen. Auf Platz 1 bei den Themen, die die Menschen am häufigsten umtreiben: »Infrastruktur und Mobilität«, dicht gefolgt von »Wirtschaft und Finanzen«. An dritter Stelle rangiert »Soziales und Gerechtigkeit«, unmittelbar gefolgt von »Erwerbsarbeit« und »Migration und Integration«.

Dabei hängen diese Themen eigentlich stark miteinander zusammen und lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Infrastruktur, Wirtschaft und Soziales lassen sich nur dann gut weiterentwickeln, wenn es gelingt, den demografischen Niedergang aufzuhalten – und das wird ohne Migration und Integration nicht gehen. Weltoffenheit kann ein Schlüssel zu Stabilität und Wachstum sein – besonders in Regionen, die sehr stark vom Tourismus oder von Fachkräften abhängig sind. Und auch das Thema Umwelt und Energie hat eine große Relevanz für die Aufrechterhaltung oder sogar die Verbesserung der Lebensverhältnisse: Gerade der Bedeutungszuwachs der erneuerbaren Energien ist ein weltweiter Trend, bei dem Sachsen-Anhalt seine Chancen nutzen sollte.

Die Dekarbonisierung, also der Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung und Rohstoffnutzung, ist mit Risiken verbunden und verlangt den Menschen große Kompromisse ab. Doch es gibt auch Perspektiven, die Hoffnung stiften können – zum Beispiel die Entwicklung einer »grünen« Industrie, die schadstoffärmer und nachhaltiger produzieren kann als jemals zuvor. Die Aufgabe der Politik ist es, dabei die sozialen Leitplanken für diese Entwicklung einzuziehen.

Große Gruppe von »Ablehnenden«

Im zweiten Zusammenhaltsbericht des FGZ, der Ende 2025 erschienen ist und auf Befragungen aus dem Jahr 2022 basiert, haben wir die Einstellungen der deutschen Bevölkerung zum Klimawandel und zur Klimapolitik untersucht. Der Bericht zeigt, dass viele Menschen vor allem von Sorgen um persönliche Belastungen getrieben sind und daher eher zurückhaltend und skeptisch, was die Umsetzung einer sozial-ökologischen Transformation der Gesellschaft anbetrifft. Allerdings besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass der Klimawandel ein großes Problem darstellt.

In einer bisher unveröffentlichten Sonderauswertung unserer Daten für Sachsen-Anhalt zeigt sich, dass die Befragten hier auffällig häufig zu jener Gruppe gehören, die Klimapolitik stark ablehnen: Mit 13 Prozent ist der Anteil der »Ablehnenden« in Sachsen-Anhalt markant höher als in Deutschland insgesamt (8 Prozent). Andererseits ist der Anteil der »Entschlossenen« – also jener Menschen, die sehr entschlossen für den Klimaschutz und die darauf bezogene Politik eintreten – in Sachsen-Anhalt mit 6 Prozent viel geringer als in Deutschland insgesamt (19 Prozent). Hier sticht Sachsen-Anhalt sogar aus der Reihe der anderen ostdeutschen Bundesländer hervor, wo der Anteil der »Entschlossenen« immerhin 16 Prozent beträgt.

Im Vergleich mit den Befragten aus anderen Bundesländern sind die von uns Befragten aus Sachsen-Anhalt unterdurchschnittlich besorgt wegen des Klimawandels und seiner Folgen. Sie haben hingegen überdurchschnittlich häufig Sorge, dass ihr eigener Lebensstandard sinken könnte (50 Prozent) und meinen überdurchschnittlich häufig, der Klimawandel sei weniger gefährlich als behauptet (20 Prozent). Folglich meinen sie auch signifikant häufiger, die Politik solle »weniger für den Klimaschutz tun« (16 Prozent vs. 7 Prozent deutschlandweit).

Gegen die Transformationsmüdigkeit

Aus den Zahlen wird deutlich: In Sachsen-Anhalt scheinen die »Transformationsblockaden« etwas höher zu sein als anderswo – und das hat die oben genannten Gründe. Dazu gehören negative Umbruchserfahrungen, aber insbesondere auch Verunsicherung und die Furcht vor individuellen und kollektiven Statuseinbußen. Die kontroversen Diskussionen über Windkraft & Co., die selbstverständlich auch in Sachsen-Anhalt geführt werden, finden vor diesem Hintergrund statt. Besonders in sozialen Medien werden Ängste und Vorbehalte zur Energiewende von einer relativ kleinen, aber lautstarken Gruppe politisch instrumentalisiert und durch Desinformation verstärkt.

Auch die AfD bläst im Landtagswahlkampf in dieses Horn. Doch eines muss klar sein: Eine »Fundamentalopposition« gegen die Realitäten der Klimakrise und den damit verbundenen Strukturwandel ist nicht zukunftsfähig. Im Gegenteil: Sie schadet Sachsen-Anhalt – als Bundesland, als demokratisches und soziales Gemeinwesen und als Wirtschaftsstandort. Mobilität, Produktion und Konsum müssen sich in den nächsten Jahren wandeln, damit der Klimawandel und seine Auswirkungen möglichst gemeinwohlorientiert gestaltet werden können und die verhängnisvolle Abhängigkeit von fossilen Importen überwunden wird.

Und trotz aller Transformationsmüdigkeit: Die Mehrheit der Menschen in Sachsen-Anhalt sorgt sich um die Folgen des Klimawandels, sie unterstützt mehr politisches Engagement für Klimaschutz. Dass hieraus regional tragfähige und optimistische Zukunftsperspektiven entwickelt werden können, sollte auch ein Argument bei den Landtagswahlen im September sein.

Axel Salheiser
Axel Salheiser
Dr. Axel Salheiser ist Sprecher des FGZ-Standorts Jena und Themenfeldleiter im FGZ-Themenfeld A.
Christoph Richter
Christoph Richter
Christoph Richter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am FGZ-Standort Jena.

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Axel Salheiser, Christoph Richter (5. August 2026). Transformationsregion Sachsen-Anhalt: Blauer Rauch statt grüner Strom? Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 5. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16ni6


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