Die etablierten Außenseiter: Wieso Menschen in Sachsen-Anhalt die AfD wählen
Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Angesichts der Aussicht, dass die AfD stärkste Kraft werden könnte, richtet sich bundesweit große Aufmerksamkeit auf die Wahl. In dieser Blogreihe analysieren FGZ-Mitglieder auf Grundlage ihrer Forschung mögliche Gründe für das Wahlverhalten in dem Bundesland sowie die strukturellen Herausforderungen, vor denen es steht. Der folgende Beitrag von Jakob Hartl (FGZ Halle) zeigt, dass ökonomische Sorgen das Wahlverhalten nur begrenzt erklären. Entscheidender sind stabilisierte rechte Einstellungen, die Ablehnung von Zuwanderung sowie die zunehmende Normalisierung der AfD.
Der Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD) und ihr zu erwartender Erfolg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beschäftigt Politik- und Medienschaffende nicht nur in Ostdeutschland seit geraumer Zeit. Dabei hält sich hartnäckig eine Erzählung von AfD-Wähler:innen als besorgte bis wütende Bürger:innen, deren Ängste ernstgenommen werden müssten. Die AfD-Wahl gilt dann als Ausdruck von Alternativlosigkeit, als eine Unmuts- und Unzufriedenheitsäußerung jener, die sich von der Politik und ihren weggezogenen Nachbar:innen zurückgelassen fühlen.
Doch diese Erklärung greift zu kurz. Die AfD ist längst nicht mehr nur eine Protestpartei, die von Krisen profitiert. Vielmehr ist sie eine etablierte politische Kraft, die Unzufriedenheiten, Pessimismus und Misstrauen in Institutionen nicht nur aufgreift, sondern über die Jahre aktiv geschürt hat. Besonders gut beobachten ließ sich das während der Coronapandemie. Die epistemische Krise, aufgrund derer wir uns gesellschaftlich nicht nur über Gegenmaßnahmen, sondern auch über den Tatbestand der Pandemie selbst nicht mehr verständigen konnten, machte sie jedoch längst auch auf anderen Politikfeldern für sich nutzbar – allen voran beim Thema Klima.
Hinzu kommt: Die AfD zu wählen, ist vielerorts normal geworden. Wo die Partei schon stark ist, sinkt für viele die Hemmschwelle, das eigene Kreuz bei den (in Teilen gesichert) Rechtsextremen zu machen.
AfD als Krisengewinnerin?
Dieser Beitrag fragt deshalb: Welche Faktoren erklären, warum Menschen in Sachsen-Anhalt die AfD wählen? Geht es tatsächlich vor allem um ökonomische Sorgen? Sind es Abstiegsängste? Oder spielen stabilisierte rechte Einstellungen, Misstrauen und lokale politische Milieus eine größere Rolle?
Dazu prüfe ich mehrere Annahmen. Erstens: Die AfD profitiert von Krisen und Bedrohungsgefühlen. Zweitens: Sie erntet, was sie über Jahre selbst gesät hat – etwa Misstrauen, Verschwörungsglauben und Fremdenfeindlichkeit. Drittens: Sie profitiert dort besonders, wo sie bereits stark ist und ihre Wahl dadurch alltäglicher erscheint.
Die Datengrundlage
Grundlage dieses Beitrags sind Daten des FGZ-Regionalpanels. Dabei handelt es sich um eine Befragung, die Wissenschaftler:innen des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) seit 2021 alle zwei Jahre durchführen. Befragt werden immer dieselben Personen, sodass sich Veränderungen über die Zeit beobachten lassen. Zudem interessiert sich das Regionalpanel für lokale Unterschiede. Deshalb wurden Menschen in je einer Großstadt, einer Mittelstadt und einer ländlichen Kommune aus vier Bundesländern befragt – darunter Sachsen-Anhalt.
Die folgenden Auswertungen beziehen sich auf die Daten aus Sachsen-Anhalt, die wir dort in den Jahren 2023 und 2025 erhoben haben. Bei der Erhebung im Jahr 2025, die unmittelbar nach der Bundestagswahl stattfand, fragten wir die Teilnehmer:innen auch, welche Partei sie bei ebendieser Wahl gewählt hatten.
Bei der Auswertung der Daten interessierte uns zum einen die Hypothese der AfD als Krisengewinnerin. Wir untersuchten also, ob Menschen die Partei aufgrund von ökonomischen Ängsten wählen, wie sie ihren eigenen sozialen Status einschätzen und ob sie erwarten, in Zukunft sozial auf- oder abzusteigen. Außerdem fragten wir, welche Themen als Bedrohung für Deutschland wahrgenommen werden – etwa Klimawandel, Zuwanderung, Arbeitslosigkeit, Rechtsextremismus sowie Diskriminierung und Rassismus – und verglichen, wie sich diese Einschätzungen zwischen 2023 und 2025 veränderten.
Ebenso gingen wir bei der Frage vor, wie die Menschen ihre Lebensverhältnisse vor Ort sowie die zukünftige Entwicklung ihres Wohnorts bewerten: Haben sich die Lebensverhältnisse aus Sicht der Befragten verbessert oder verschlechtert? Wie blicken sie auf die Zukunft ihres Wohnortes? Zudem erhoben wir mit zwei Indizes Verschwörungsglauben und Xenophobie.
In einem zweiten Schritt ergänzten wir unsere Daten um die Wahlergebnisse aller Parteien aus den Wahlbezirken der Befragten. So konnten wir prüfen, ob das politische Umfeld vor Ort eine Rolle für die individuellen Faktoren spielt. Außerdem berücksichtigten wir Alter, Geschlecht, Familienstand, Bildungsstand und Wohnform (Miete, Genossenschaft, Eigentum) sowie den Wohnort der Befragten.
Die AfD zu wählen, wird zunehmend normal
Das auffälligste Ergebnis unserer Erhebungen lautet: Wer Rechtsextremismus 2025 als geringere Gefahr einschätzt als noch 2023, wählte 2025 eher die AfD. Zwar erklärt auch die konstante Leugnung der Bedrohung durch Rechtsextremismus die AfD-Wahl – den stärksten Effekt aber zeigt eine Abnahme der Einschätzung der Gefahr von rechts.
Ökonomische Sorgen erklären hingegen nicht, warum Menschen in Sachsen-Anhalt die AfD wählen. Im Gegenteil, die AfD ist längst auch eine Partei derer, die sich selbst eher oben auf der sozialen Leiter sehen und damit rechnen, dass sich ihre wirtschaftliche Lage verbessern wird. Dieser Effekt verschwindet allerdings, sobald das lokale Wahlumfeld einbezogen wird.
Die Sorge vor Arbeitslosigkeit ist folglich kein ausschlaggebender Faktor für die Wahl der AfD. Auch die Bedrohung durch die Klimakrise bzw. die Leugnung dieser spielt dafür keine entscheidende Rolle. Beim Thema Zuwanderung zeigt sich, dass nicht neu entstandene Sorgen für die AfD-Wahl mobilisieren, sondern stabile Ablehnung. Wer Zuwanderung sowohl 2023 als auch 2025 als Bedrohung sah, tendierte stärker zur AfD. Bei Rassismus ist es umgekehrt: Wer Rassismus dauerhaft nicht als Problem ansieht, neigt eher zur AfD.
Bei den Lebensverhältnissen vor Ort zeigt sich ein etwas anderes Bild. Hier erklären vor allem neue Unzufriedenheiten, wieso Menschen sich für die AfD entscheiden. Beim Verschwörungsglauben dagegen zeigt sich, dass das anhaltende Schüren von Mistrauen gegen Politik und Medien Wirkung zeigt.
Wenn wir zusätzlich die Wahlergebnisse vor Ort einbeziehen, bleibt das Bild weitgehend stabil. Entscheidend ist: Die AfD wird eher gewählt, wo sie schon stark ist. Das spricht für einen Normalisierungseffekt. Wo viele AfD wählen, fällt es offenbar leichter, sich ebenfalls zu dieser Partei zu bekennen.
Zugleich sehen wir einen schwachen Gegeneffekt durch starke CDU-Ergebnisse. Wir deuten das als möglichen »Bürgermeister-Effekt«: Integrierende Personen aus demokratischen Parteien können die AfD-Wahl zumindest etwas bremsen. Dies gilt insbesondere für ländliche Kommunen. Unsere Daten zeigen außerdem, dass Frauen und Ledige seltener AfD wählen.
Fazit
Unsere Analysen zeigen: Die AfD in Sachsen-Anhalt ist keine Partei der »kleinen Leute«, sondern in der oberen ökonomischen Mitte der Gesellschaft angekommen. Individuelle ökonomische Sorgen oder Angst vor Arbeitslosigkeit erklären ihre Wahl kaum. Viel wichtiger sind stabile rechte Deutungen, ein abnehmendes Problembewusstsein gegenüber Rechtsextremismus, die Abwertung von Rassismus als gesellschaftliches Problem und eine gefestigte Ablehnung von Zuwanderung.
Auch Verschwörungsglauben und Pessimismus bezüglich der Entwicklung des Wohnorts sind über die Jahre stabil geblieben und sind Ausdruck eines über die Jahre gewachsenen Misstrauens. Lediglich bei der Unzufriedenheit mit den aktuellen Lebensverhältnissen sehen wir, dass neue Unzufriedenheiten mehr mit der AfD-Wahl korrelieren.
Kurz gesagt: Die AfD profitiert nicht nur von aktuellen Krisen oder spontanem Protest. Vielmehr fußt ihr Erfolg auf stabilen rechten Erzählungen, auf der Aktivierung neuer Unzufriedenheiten und auf der Banalisierung und Normalisierung ihrer Positionen. Wo viel AfD ist, da wird mehr AfD möglich.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Jakob Hartl (29. Juli 2026). Die etablierten Außenseiter: Wieso Menschen in Sachsen-Anhalt die AfD wählen. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 15. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16mxh


