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Immer weniger und immer ältere Menschen: Sachsen-Anhalts Wirtschaft vor massiven Herausforderungen

Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Angesichts der Aussicht, dass die AfD stärkste Kraft werden könnte, richtet sich bundesweit große Aufmerksamkeit auf die  Wahl. In dieser Blogreihe analysieren FGZ-Mitglieder auf Grundlage ihrer Forschung mögliche Gründe für das Wahlverhalten in dem Bundesland sowie die strukturellen Herausforderungen, vor denen es steht. Im folgenden Beitrag analysieren Mario Hesse und Kevin Eljezi (FGZ Leipzig) die schwierige wirtschaftliche und demografische Lage in Sachsen-Anhalt, zeigen aber gleichzeitig auch Entwicklungsmöglichkeiten auf.

Illustration: Italic Visual Design

Wenn man sich mit den demografischen und wirtschaftlichen Verhältnissen Sachsen-Anhalts befasst, stößt man auf eine Fülle statistischer Daten und Analysen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, sind Zusammenstellungen hilfreich, die die Situation des Bundeslandes in den Kontext der übrigen ostdeutschen Bundesländer und der bundesweiten Verhältnisse setzen. Hierzu hat etwa das Statistische Bundesamt eine Datensammlung erstellt, die aufschlussreiche Einsichten gewährt. Auf Grundlage dieser Daten analysiert dieser Beitrag, vor welchen Herausforderungen Sachsen-Anhalt steht und wie die Politik darauf reagieren könnte.

Bevölkerungsrückgang mit massiven Auswirkungen

Sachsen-Anhalt hat nicht nur seit Jahrzehnten die Herausforderung des Einwohnerrückgangs zu bewältigen, es ist sogar das Bundesland mit dem stärksten Bevölkerungsverlust. Es hat insofern nicht das oft von bestimmten politischen Spektren behauptete „Zuwanderungsproblem“, sondern eher das Problem der unzureichenden Zuwanderung. Während die anderen ostdeutschen Länder, darunter Sachsen, in den vergangenen zehn Jahren durch Zuwanderung ihre Bevölkerung weitgehend konstant gehalten haben und Brandenburg, bedingt durch den Berliner „Speckgürtel-Effekt“, sogar Einwohner:innen hinzugewonnen hat, ging die Einwohnerzahl in Sachsen-Anhalt weiter zurück. Allein zwischen den Jahren 2000 und 2025 hat Sachsen-Anhalt rund 20 Prozent seiner Einwohner:innen verloren – fast 500.000 Menschen.

Was manchen nicht als besonders tragisch erscheinen mag, hat handfeste Folgen für die Landes- und Kommunalfinanzen und damit die praktischen Möglichkeiten, Infrastruktur und Leistungen für die Bevölkerung und die Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Dafür braucht es keine böswillige Streichung von Fördermitteln. Die Mechanismen der öffentlichen Finanzen, insbesondere der bundesstaatliche Finanzausgleich, sorgen durch ihre Regeln dafür, dass das Geld den Köpfen folgt. Wo es weniger Menschen gibt, braucht es weniger finanzielles Budget, so der Mechanismus. Abwehrende Haltungen gegenüber Zuwanderung bedeuten damit einen unmittelbaren und unerbittlichen Verlust an finanzieller Handlungsfähigkeit für das gesamte Bundesland.

Zur Herausforderung des demografischen Wandels gehört zudem die Verschiebung zwischen den Altersgruppen. Sachsen-Anhalt gehört bereits heute bundesweit zur Gruppe der Länder mit den geringsten Anteilen junger Bevölkerung. Es steht damit nicht weniger als die Zukunft des Landes auf dem Spiel, wenn der Standort von außen nicht als attraktiv wahrgenommen wird. Durch eine Steigerung von Geburtenzahlen lässt sich dieser Trend kaum umkehren – schon gar nicht in absehbaren Zeiträumen. Zuwanderung aus dem In- und Ausland ist daher ein wichtiges Instrument. Dabei ist zu bedenken, dass Sachsen-Anhalt, wie die übrigen ostdeutschen Länder, einen auffallend geringen Ausländeranteil aufweist. Dies ist zwar allgemein bekannt, im Wahlkampf verkehren Politiker:innen diese Tatsache aber oft ins Gegenteil und verweisen raunend auf die angeblich problematischen Verhältnisse in westdeutschen Großstadtregionen. Tatsächlich liegt der Ausländeranteil in Sachsen-Anhalt aber bei weniger als 10 Prozent und damit bei nur einem Drittel des westdeutschen Durchschnitts.

Gute Voraussetzungen durch günstige Mieten und freie Flächen

Die Bedingungen für Zuwanderung sind dabei gar nicht schlecht. In Sachsen-Anhalt sind Mieten günstig und Flächen verfügbar – also eigentlich gute Voraussetzungen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Zudem ist die Erwerbstätigenquote von Frauen in Sachsen-Anhalt überdurchschnittlich. Das ist auch in den anderen ostdeutschen Ländern der Fall. Die offenbar bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist demnach sicher ein Vorteil im Standortwettbewerb.

Geringe Einkommen und hohe Armutsgefährdung

Ein Blick auf die wirtschaftlichen Fakten zeigt zugleich die Probleme auf. Sachsen-Anhalt ist wirtschaftlich betrachtet das schwächste deutsche Bundesland. Daher ist es wenig verwunderlich, dass auch die Einkommen aus Erwerbsarbeit hier deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt liegen. Auch die verfügbaren Einkommen (einschließlich staatlicher Unterstützungsleistungen und abzüglich Steuern) sind in Sachsen-Anhalt so gering wie in keinem anderen Bundesland.

Die geringen Einkommen spiegeln sich in begrenzten Möglichkeiten der individuellen Zukunftsvorsorge. Die Sparquote und Vermögensbildung der privaten Haushalte zeigt einen deutlichen Ost-West-Unterschied. Sachsen-Anhalt ist auch hier mit einem deutlich unterdurchschnittlichen Wert vertreten. Wo die Einkommen knapp sind, gibt es wesentlich weniger Möglichkeiten, Geld zurückzulegen – sei es für die individuelle Vermögensbildung etwa in Form eines Eigenheims, die Altersvorsorge oder eine allgemeine Risikovorsorge „für schlechte Zeiten“. Die Armutsgefährdungsquote ist in Sachsen-Anhalt dagegen besonders hoch. Haushalte in Sachsen-Anhalt sind demnach in besonderem Maße von solidarischen Systemen abhängig (Rentenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Grundsicherung etc.).

Die Menschen in Sachsen-Anhalt haben deshalb viel zu verlieren, wenn über Sozialstaatsreformen und den Abbau staatlicher Leistungen diskutiert wird und sich die Debatte dabei nicht selten an Sozialneid sowie an vermeintlichen Profiteuren des Sozialstaats entzündet. Tatsächlich ist Sachsen-Anhalt selbst besonders von der Solidarität anderer abhängig – sei es innerhalb des föderalen Systems von den wirtschaftsstärkeren Bundesländern oder im Rahmen der Sozialversicherungssysteme.

Das Entwicklungspotenzial des Landes heben

Es bleibt immerhin die gute Nachricht, dass der Abstand zu den anderen ostdeutschen Bundesländern bei vielen Teilaspekten (noch) nicht besonders hoch ist. Insofern muss die Devise gelten, sich attraktiv zu machen für Unternehmen und jede Chance auf Ansiedlungen zu nutzen. Auch, wenn an vielen Stellen die Strukturindikatoren auf eine schwache Position des Landes hindeuten, kommt es darauf an, was die Landespolitik daraus macht.

Parteipolitische und populistische Programmatik, die die ungünstige demografische und wirtschaftliche Lage zusätzlich verschärft, reduziert das Entwicklungspotenzial des Landes und schädigt damit Wohlstand und Demokratie zugleich. Unter den Bedingungen Sachsen-Anhalts hieße das, den Einwohnerrückgang weiter zu begünstigen und zugleich auf zusätzliche finanzielle Mittel des Bundes zu verzichten. In einem Land mit niedrigen Einkommen und geringen Sparquoten zudem sozial schwache Gruppen gegeneinander auszuspielen und ihnen wichtige Leistungen zu kürzen, ist dazu geeignet, die Lage zusätzlich zu verschlechtern. Abschottung, Abschreckung und Innovationsfeindlichkeit schaden nicht nur den Chancen im Land; die Wählerinnen und Wähler schaden sich damit häufig auch selbst.

Stattdessen braucht es in dieser Gemengelage Unterstützung für eine engagierte Standortpolitik, die weit von Selbstzufriedenheit darauf setzt, die wirtschaftliche Entwicklung zu verbessern, indem sie Unternehmen anlockt, Zuwanderung organisiert und sich offen zeigt für neue Technologien und Experimentierfelder. Hier hat Sachsen-Anhalt durch verfügbare Flächen und günstige Mieten durchaus Potenzial. Gerade im Bereich der Energietransformation haben sich in Sachsen-Anhalt bereits neue wirtschaftliche Felder entwickelt.

Zuletzt sollten sowohl die Menschen bei ihrer Wahlentscheidung als auch die politischen Akteure bei ihrem Handeln immer im Blick behalten, dass Sachsen-Anhalt von der Solidarität der übrigen Bundesländer und des Bundes abhängig ist. Noch ein Grund mehr, auf Kooperation und nicht auf Abgrenzung zu setzen – alles andere hieße, sich aus Trotz selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen und den eigenen Niedergang auch noch politisch zu organisieren.

Mario Hesse
Mario Hesse
Dr. Mario Hesse ist Principal Investigator am FGZ-Standort Leipzig.
Kevin Eljezi
Kevin Eljezi
Kevin Eljezi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am FGZ-Standort Leipzig.

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Mario Hesse, Kevin Eljezi (22. Juli 2026). Immer weniger und immer ältere Menschen: Sachsen-Anhalts Wirtschaft vor massiven Herausforderungen. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 6. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16lv6


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