Forschung zur Energiewende im Spiegel der Gesellschaft: „Alle Beteiligten haben dazugelernt“
Welche Rolle spielt Wissenstransfer für die Energiewende und den gesellschaftlichen Zusammenhalt? Für den FGZ-Blog sprach Dr. Viktoria Brendler (FGZ Hannover) darüber mit Alexandra Berndt vom Energieforschungszentrum Niedersachsen (efzn).
Alexandra, du bist am Energieforschungszentrum Niedersachsen für die Science-Policy-Schnittstelle verantwortlich und dabei Teil des inter- und transdisziplinären Forschungsprogramms TEN.efzn. Kannst du das Forschungsprogramm einmal umreißen?
Gerne. TEN.efzn steht für Transformation des Energiesystems Niedersachsen. Bei uns kommen Forscher:innen von Ingenieurswissenschaften bis Sozialwissenschaften zusammen, um aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf die Energiewende zu schauen. Das umfasst Themen vom Offshore-Wind-Ausbau bis hin zur Digitalisierung des Energiesystems. Neben den Forschungsaktivitäten spielt bei uns Transfer eine sehr große Rolle. Wir haben dafür drei eng miteinander verzahnte Bereiche eingerichtet: Kommunikation, Academy und Innovation. Damit wollen wir verschiedene Akteure ansprechen und auf unterschiedliche Weise in die Transformation des Energiesystems einbinden.
Wie unterscheiden sich die Transferbereiche?
Im Bereich Kommunikation geht es um zielgruppengerechte Information und Austausch. Der Bereich Academy fokussiert sich auf Weiterbildungsangebote. Im Bereich Innovation unterstützen wir Gründungen und Umsetzung in die Praxis. Das Ziel ist, die Gesellschaft in den Forschungsprozess und die Umsetzung der Energiewende einzubeziehen. In meiner Arbeit an der Schnittstelle zwischen Forschung und Politik geht es vor allem darum, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse so zu vermitteln, dass sie gezielt in energiepolitische Entscheidungsprozesse einfließen können.
Hast du dafür ein Beispiel?
Ein aktuelles Beispiel ist unsere Studie SCOPE.efzn, die wir gemeinsam mit dem Institut für Vernetzte Energiesysteme des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR-VE), dem Institut für Festkörperphysik der Leibniz Universität Hannover und dem Institut für Solarenergieforschung Hameln/Emmerthal (ISFH) durchführen. Dabei hat das DLR-VE eine Metaanalyse von unterschiedlichen Szenarien zur bundesweiten Entwicklung des Energiesystems durchgeführt. Das war wichtig, weil in den letzten Jahren zwar viele Studien erschienen sind, die Einordnung der übergreifenden Erkenntnisse aber schwierig war. Zum Teil kommen die Studien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Das liegt beispielsweise daran, dass manche normativ und andere explorativ vorgehen. Manche Szenarien gehen also von einem zu erreichenden Ziel aus und fragen: Wie kommt man da hin? In anderen Szenarien wird dagegen untersucht, welche Entwicklungen prinzipiell möglich sind und wie diese aussehen könnten. Außerdem bauen die Untersuchungen auf unterschiedlichen Annahmen und Voraussetzungen auf. Wir haben daher den Stand der Forschung ausgewertet, aufbereitet und dann mit Stakeholdern gespiegelt – also mit Akteuren, die in der Praxis an der Energiewende arbeiten.
Wie seid ihr dabei vorgegangen?
Wir haben Stakeholder aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft zusammengebracht. Diesen Stakeholdern haben wir zunächst einige Grundlagen zur Einordnung der Forschungsergebnisse vermittelt – etwa den Unterschied zwischen normativen und explorativen Szenarien erklärt sowie anhand von Beispielen gezeigt, welche Wechselwirkungen es zwischen bestimmten Annahmen geben kann. Dann haben wir die Ergebnisse unserer Metaanalyse präsentiert und die Teilnehmenden gebeten, sich zu einigen divergierenden Annahmen zu positionieren, die den Studien zugrunde lagen.
Was waren das für divergierende Annahmen?
Wir haben die Stakeholder zum Beispiel danach gefragt, wie sie den zukünftigen Wasserstoffbedarf einschätzen. Hier konnten sich die Teilnehmenden unterschiedlich positionieren. Manche hielten etwa einen selektiven Einsatz von Wasserstoff für realistisch, andere einen breiten Einsatz. Wir haben dann nachgehakt: Warum sehen Sie das so? In ausführlichen Gesprächen haben wir weitere damit verbundene Annahmen diskutiert, zum Beispiel zum Verhältnis von Import und heimischer Produktion, den jeweiligen Vor- und Nachteilen und Herausforderungen. So haben wir neben unserer Metaanalyse des Forschungsstands auch ein Sounding Board geschaffen, in dem zentrale Annahmen reflektiert werden konnten.
Ihr habt also neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Transformation des Energiesystems auch abgesteckt, wie relevante politische und gesellschaftliche Akteure zu konkreten Aspekten stehen?
Genau, das ist das Prinzip des Sounding Boards. Wir haben in der Auswahl der Stakeholder darauf geachtet, unterschiedliche Perspektiven und Ebenen abzubilden, zum Beispiel auch die kommunale Ebene bewusst einzubinden. Anschließend haben das Institut für Festkörperphysik der Leibniz Universität Hannover und das ISFH bisher nicht berücksichtigte Faktoren und Sensitivitäten in einer Modellierung analysiert. In der Gesamtschau haben wir dann überlegt: Was sind unsere wichtigsten Erkenntnisse und welche Bedarfe für energiepolitische Entscheidungsprozesse können wir daraus formulieren?
Zu welchen Erkenntnissen seid ihr gelangt? Kannst du mir hier ein Beispiel geben?
Wenn zentrale Transformationsprozesse verzögert werden, kann das zu deutlichen Mehrkosten im Energiesystem führen. Der Umstieg auf Wärmepumpen und E-Mobilität und der Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere der Windenergie, müssen deutlich gesteigert werden, um die Klimaziele zu erreichen und höhere Systemkosten zu vermeiden.
Wie haben die Teilnehmenden den Prozess wahrgenommen?
Wir haben sehr positives Feedback bekommen. Die Teilnehmenden haben gesagt, dass es für sie selbst sehr spannend war, wie sich andere Akteure positionieren, welche anderen Sichtweisen, welche Diskrepanzen, aber auch Übereinstimmungen es gibt. Es kam auch zu Überraschungen. Alle Beteiligten haben dazugelernt, über sich selbst, über die anderen, über den Stand der Forschung und den Forschungsprozess.
Welche Bedeutung hat für dich Wissenstransfer mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Ich glaube, gerade dialogorientierter Wissenstransfer kann dabei helfen, Herausforderungen wie die Energiewende gemeinsam besser zu bewältigen. Das geschieht erstens durch das Einholen von Input, also dadurch, dass unterschiedliche und auch kritische Perspektiven und Hinweise eingebracht werden. Zweitens schafft Wissenstransfer auch Transparenz und Verständnis – darüber, wie bestimmte Erkenntnisse zustande kommen und auf welchen Grundlagen bestimmte Entscheidungen basieren. Drittens bieten Formate des Wissenstransfers unterschiedlichen Akteuren die Gelegenheit, zusammenzukommen, sich auszutauschen und ein Verständnis für die Ansichten und Handlungen anderer zu entwickeln. Manchmal entstehen dadurch neue Netzwerke, man lernt sich kennen, weiß, an wen man sich wenden kann, wenn man eine bestimmte Frage hat.
Transparenz und Verständnis scheint gerade bei komplexen und technischen Herausforderungen wie der Energiewende zentral. Häufig steht das Verhältnis von Politik und Gesellschaft im Mittelpunkt, es wird etwa danach gefragt, wie es um die Demokratiezufriedenheit steht. Unser Gespräch macht deutlich, welche zentrale Rolle daneben die Wissenschaft spielen kann und dass der Austausch zwischen Gesellschaft und Wissenschaft für das demokratische Miteinander ebenso wichtig ist, weil dadurch ein Verständnis für die Komplexität bestimmter Themen und Entscheidungsprozesse vermittelt werden kann.
Ja, absolut. Der Austausch im Rahmen des Wissenstransfers ist für alle Seiten bereichernd. Unsere Erfahrung mit dem Sounding Board hat gezeigt, dass es nicht nur wichtig ist, die unterschiedlichen Positionen abzustecken, sondern auch zu fragen: Warum ist das so? Warum positioniert sich ein Akteur anders als man selbst, welche Annahmen stehen dahinter? Gegenseitiges Verständnis zu schaffen ist ganz entscheidend – ein Grundstein, um aufeinander zugehen zu können.
Interview: Viktoria Brendler
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Viktoria Brendler (9. Juli 2026). Forschung zur Energiewende im Spiegel der Gesellschaft: „Alle Beteiligten haben dazugelernt“. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 6. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16jkf


