Können wir noch miteinander sprechen? Impulse aus der Forschung zu Dialogräumen
Dialogformate werden als mögliche Antwort auf eine zunehmend als polarisiert empfundene Gesellschaft entwickelt. Die Beispiele »Was Deutschland verbindet« und »Context Collapse« zeigen, wie Menschen unterschiedlicher Ansichten ins Gespräch kommen können. Aktuelle Forschungsergebnisse zur Wirkung dieses Ansatzes zeigen: Ein konstruktiver Dialog zwischen Menschen mit gegensätzlichen Meinungen wurde erreicht. Die kurz- und langfristigen Wirkungen sind aber differenziert zu sehen.
Viele Menschen sehen eine zunehmende Polarisierung der Meinungen in der Gesellschaft als Problem, wie etwa das MIDEM Polarisierungsbarometer 2025 zeigt. Zugleich spricht viel dafür, dass diese Sorge vor allem Ausdruck einer »kommunikativen Polarisierung« (Nils Kumkar) ist: Wir erleben die Gesellschaft als gespalten, weil wir in Politik und Medien – insbesondere den sozialen Medien – beobachten, wie sich Meinungen entlang gegensätzlicher Pole ausrichten.
Gleichzeitig fehlen im Alltag oft Gelegenheiten, Menschen mit anderen Erfahrungen und Weltbildern zu begegnen. Früher boten etwa Vereine oder Nachbarschaften häufiger Möglichkeiten für zufällige Gespräche; heute bewegen sich viele Menschen stärker in sozialen Umfeldern mit überwiegend ähnlichen Ansichten. So kann der Eindruck entstehen, wir könnten als Gesellschaft gar nicht mehr konstruktiv streiten. Können hier Dialogangebote helfen, gesellschaftliche Verständigung und Zusammenhalt zu fördern?
Dialogräume als Ansatz, um gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen
Diese Frage untersucht der Hamburger Standort des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt und führt dazu eigene Dialogformate durch. Zusätzlich untersuchen die Forscher:innen, welche Wirkungen die Teilnahme an Dialogangeboten auf die Beteiligten hat.
Mit der Gesprächsreihe »Context Collapse« eröffnet das FGZ Hamburg regelmäßig Räume, in denen Menschen ihre Perspektiven und Erfahrungen teilen sowie gemeinsam über zentrale gesellschaftliche Fragen nachdenken können. In der jüngsten Ausgabe in Kooperation mit den Bücherhallen Hamburg diskutierten Gäste über Grenzen der Demokratie, Medienwandel, Polarisierung und gemeinsame Meinungsbildung. Nach zwei kurzen Inputs tauschten sich die Teilnehmenden in Kleingruppen aus. Ein Fazit der intensiven Gespräche war, dass die gemeinsame politische Meinungsbildung in den vergangenen Jahren schwieriger geworden ist, da politische Interessen weniger durch Institutionen und feste gesellschaftliche Gruppen vertreten werden.
Bei der ARD-Dialogaktion »Was Deutschland verbindet« wiederum diskutierten 84 Personen aus ganz Deutschland über zwei Tage hinweg vor Kameras gesellschaftliche Themen wie Migration und Gleichberechtigung. Mitglieder des Hamburger FGZ-Standorts begleiteten das Projekt wissenschaftlich. Sie befragten die Beteiligten direkt vor und direkt nach der Veranstaltung und untersuchten, ob sich durch die Teilnahme an dem Format etwas an den Einstellungen der Menschen veränderte. Eine dritte Befragung der gleichen Personen ist im Herbst geplant, um langfristige Veränderungen messen zu können.
Erste Ergebnisse der Befragung: Dialog funktioniert
Laut PD Dr. Jan-Hinrik Schmidt, der die Begleitforschung betreut, hat das Projekt veranschaulicht, dass »wir noch in der Lage sind, miteinander zu sprechen«. Die folgenden (Zwischen-)Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ für die Bevölkerung, sollten also nicht über den Kontext hinaus verallgemeinert werden. Sie ermöglichen aber dennoch interessante Einblicke in die Wirkung von Dialogangeboten.
Vor der ARD-Diskussionsrunde überwog bei den Teilnehmenden die Ansicht, dass öffentliche Debatten immer zugespitzter geführt werden (83 Prozent stimmten weitgehend oder voll und ganz zu) und dass konstruktive Gespräche zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten selten geworden seien (85 Prozent Zustimmung). Etwa die Hälfte der Teilnehmer:innen war sogar der Ansicht, die Gesellschaft sei in unversöhnliche Lager gespalten. Zugleich äußerten knapp zwei Drittel die Erwartung, andere Sichtweisen kennenlernen zu wollen; etwas weniger als die Hälfte gab an, Brücken zwischen unterschiedlichen Ansichten bauen zu wollen.
In der unmittelbaren Nachbefragung gab es sehr positive Rückmeldungen: Alle Befragten stimmten zu, dass sie interessante Menschen kennengelernt hätten und die Diskussion Raum für gegenseitiges Zuhören geschaffen habe. Nahezu alle stimmten außerdem zu, dass sie ihre eigene Meinung in den Dialog einbringen konnten (94 Prozent) und dass die Diskussion offen sowie ohne Vorurteile ablief (92 Prozent).
Diese Befunde legen nahe, dass es in einem guten Rahmen und mit einigen wenigen Grundregeln für den Austausch durchaus gelingen kann, Menschen aus sehr unterschiedlichen Hintergründen in Gespräch zu bringen und konstruktiv zu streiten.
Wenige, aber tendenziell positive kurzfristige Veränderungen
Die Befragung ermöglicht es, Veränderungen nicht nur im Durchschnitt aller Befragten, sondern auch auf individueller Ebene zu verfolgen. Zwischen erster und zweiter Befragung lassen sich die dialogbezogenen Einstellungen näher untersuchen. Die dritte Befragung wird weitere Vergleichsmöglichkeiten, etwa zur wahrgenommenen Polarisierung, eröffnen.
Bei der Mehrzahl der Teilnehmenden haben sich die Einstellungen zum Dialog nicht verändert. Bei einzelnen Einstellungen zeigen sich aber interessante Verschiebungen. Die Offenheit, die eigene Meinung zu ändern und andere Meinungen zu akzeptieren, ist durch die Teilnahme an dem Dialogformat insgesamt eher gewachsen (auch wenn einzelne Teilnehmer:innen sich weniger offen zeigten). Zugleich fanden manche Teilnehmer:innen die langen Diskussionen mit Andersdenkenden offenbar anstrengend, insbesondere da sie nicht zu einem Abschluss oder einer Entscheidung geführt wurden – 21 Personen stimmten stärker als vorher zu, längere Diskussionen mit Andersdenkenden lieber zu vermeiden (14 Personen lehnten stärker ab). Auch der Wunsch nach einer klaren Entscheidung in die eine oder andere Richtung war insgesamt stärker ausgeprägt, vor allem bei Personen unter 50 Jahren.
Diese Antworten wurden noch unter dem unmittelbaren Eindruck der gesprächsintensiven und nicht moderierten Diskussionen gegeben. Inwiefern diese Veränderungen auch länger anhalten, wird sich erst nach der letzten Befragung im September zeigen.
Voraussetzungen für gelingenden Dialog im Rahmen organisierter Veranstaltungen
Beide Veranstaltungsformate zeigen: Dialogformate bieten einen besonderen Raum, um Gespräche außerhalb des eigenen Umfelds zu führen – Grundvoraussetzungen sind dabei ausreichend Zeit für die Gespräche und ein geschützter Raum mit zumindest grundlegenden gemeinsamen Regeln.
Auch Offenheit spielt für erfolgreiche Verständigung eine wichtige Rolle – sowohl, um die eigene Meinung zu äußern, als auch gegenüber anderen Perspektiven. Wenn in der ARD-Dialogaktion ein Thema als spannend empfunden wurde, setzten die Teilnehmenden den Austausch oft auch hinter der Kamera fort – insbesondere dann, wenn sie das Gefühl hatten, dass die andere Person ihnen wirklich zuhörte und nicht nur »debattierte«. Bei beiden Formaten stand nicht im Fokus, die eigene Meinung zu ändern oder andere Menschen zu überzeugen. Vielmehr ging es darum, zuzuhören und zu verstehen, warum Menschen bestimmte Ansichten vertreten. Genau diese Haltung ermöglichte es, gegenseitiges Verständnis zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zu fördern.
Interessanterweise tauchten viele Themen und Sorgen in beiden vorgestellten Formaten auf. Dies stützt die Vermutung, dass gesellschaftliche Unterschiede geringer sind, als sie oft wahrgenommen werden. Nach der ARD-Dialogaktion hielten viele Teilnehmende überrascht fest: Wir haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Manche gaben anschließend an, künftig häufiger die eigene Meinung äußern zu wollen und durch das Projekt ihre eigene Stimme gestärkt zu haben. Hier wird deutlich, wie wichtig persönliche Begegnungen sind. Durch die Entdeckung von Gemeinsamkeiten können Dialogformate dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, gegenseitiges Verständnis zu fördern und gesellschaftliches Engagement zu ermutigen.
Begegnungsräume anbieten
Beide Dialogformate haben zudem gezeigt, dass Menschen mit verschiedenen Hintergründen grundsätzlich miteinander sprechen möchten. Die Frage ist also weniger, ob Menschen mit unterschiedlichen Ansichten noch miteinander sprechen können – sondern wie wir mehr Gelegenheiten schaffen, damit sie es tun. Medien, zivilgesellschaftliche Organisationen, Bildungseinrichtungen und politische Institutionen können dazu beitragen, solche Begegnungsräume zu schaffen und den Austausch zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu fördern.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Fenja De Silva-Schmidt, Yana Novitskaya, Jan-Hinrik Schmidt (1. Juli 2026). Können wir noch miteinander sprechen? Impulse aus der Forschung zu Dialogräumen. Zusammenhalt begreifen. Abgerufen am 5. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16hrw


